Das Parterre

triumphbogen-IMG_3352Geht man um das Herrenhaus herum, kommt man in den Garten auf der Gräfteninsel, der als Parterre gestaltet ist. Es besteht aus vier symmetrisch angelegten Partimenten, die durchgängig mit Stauden bepflanzt sind. Der formale, quadratische Garten wird durch eine geschnittene Weißbuchenhecke begrenzt, die den Blick und auch die Gedanken auf den Innengarten konzentriert. Jenseits der Hecke schließt sich gegen Westen der Küchengarten an; gegen Osten die sog. Wildnis. In der Mitte des Gartens steht eine Sonnenuhr aus dem 18. Jahrhundert. Sie stammt vermutlich aus Italien (Venedig); Christian v. Berner soll sie von einer seiner Reisen mitgebracht haben. Er hatte anscheinend eine Vorliebe für astrologische Symbole (siehe auch den Bericht über die Grabpyramide im kleinen Busquet).

Am Ende des Küchengartens gelangt man durch einen Rosenbogen zu einem Gartenpavillon aus der Jugendstilzeit. Der Pavillon stand ursprünglich mitten in Bielefeld und musste der neu erbauten Kunsthalle weichen. Die Besitzerin schenkte ihn der Familie v. Spiegel und so reiste er im Jahr 1956 nach Preußisch Oldendorf, um seinen neuen Platz hinter dem Herrenhaus zu finden, wo er als Standort für die Gartenmöbel diente. Im Jahr 2010 wurde er im Rahmen der Gartenumgestaltung an die derzeitige Stelle transloziert und denkmalgerecht restauriert. Er dient in Frühling und Sommer als Teehaus; im Winter wird er zur Orangerie für die frostempfindlichen mediterranen Kübelpflanzen.

Der Gräftengarten im Wandel der Zeiten
Leider gibt es keine Informationen darüber, wie der Garten auf der Gräfteninsel im Laufe der Jahrhunderte genutzt wurde. Ein sog. Querschlag, also das Ausheben eines schmalen Grabens quer über die Insel sollte Aufschluss über die verschiedenen Nutzungen geben. Dabei erwies sich, dass das Vorgängerhaus in Nord-Süd-Ausrichtung gebaut war (das heutige hat eine Ost-West-Ausrichtung). Nimmt man die Lage des wiedergefundenen und inzwischen restaurierten Brunnens hinzu, so scheint es, dass es sich hier um einen Innenhof handelte, auf dem sich das Alltagsleben der Bewohner abspielte und dessen Mittelpunkt der Brunnen war. Das scheint sich auch nach dem Neubau des Herrenhauses (um 1783) nicht geändert zu haben. Es wurden Reste einer steinernen Wasserleitung gefunden, die das Wasser vom Brunnen über ein leichtes Gefälle in den Keller des neuen Hauses leitete. Gemüsegarten und Wäschetrockenplatz befanden sich außerhalb der Gräfte, in der Gartenwiese, die durch einen Steg mit der Insel verbunden war.

Eine erste Veränderung erfuhr der Gräftengarten zu Beginn der 1960er Jahre durch die Umgestaltung zum kommerziell betriebenen Kaffeegarten. Auf einem rot gekiesten Platz, der durch Rhododendronbüsche gesäumt wurde, standen Garten-Sitzgruppen und rote Sonnenschirme, die zum Verweilen einluden.

Nach der Aufgabe des Hotels verzichteten Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel konsequent auf Unkraut-Ex und so eroberten sich Löwenzahn, Klee, Wegerich und Gras nach und nach wieder die rote Kiesfläche. Sie bot Platz fürs Fußballspielen und ein Volleyballnetz, für den großen Sandkasten, der regelmäßig von den Kindern unter Wasser gesetzt wurde und für eine Feuerstelle zum Kokeln. Zudem wurde die Fläche für die legendären Engershauser Feste der Familie v. Spiegel genutzt.

Eine Irritation entstand kurzfristig in den 1990er Jahren, als bekannt wurde, dass der rote Kies auf vielen der Sportplätze in der Umgebung aus einer Grube in Marsberg stammte, die mit Dioxin verseucht war. Da auch Raban v. Spiegel beim Umbau des Hotels auf dieses scheinbar besonders hochwertige Kieselrot gesetzt hatte, musste sich die junge Familie nun mit dem Schock auseinandersetzen, dass ihre Kinder auf einem dioxinverseuchten Boden gespielt hatten. Ein vollständiges Abtragen des Kieses – wie es auf den Sportplätzen geschah, war aus Kostengründen nicht möglich. Eine intensive Recherche zur Qualität des Kieses ergab dann glücklicherweise Entwarnung. Raban v. Spiegel hatte zwar Kieselrot bestellt, war aber betrogen worden. Die Firma hatte seinerzeit ein anderes Material geliefert. So kann sich manchmal auch eine schlechte Nachricht in eine gute verwandeln.

Umgestaltung, Restaurierung
Nachdem die Restaurierungsarbeiten von Haus und Hof weitgehend abgeschlossen waren und auch die Kinder den Garten nicht mehr als Spielplatz benötigten, war die Zeit gekommen, die Umgestaltungsarbeiten auf dem Gut mit der Wiederherstellung von Park und Garten abzurunden. Hiltrud und Carl-Maria hatten sich im Laufe der Zeit mehr und mehr für Gartenkunst und Landschaftskultur begeistert. Sie beteiligten sich z.B. aktiv am Aufbau des Vereins „Herrenhäuser und Parks im Mühlenkreis e.V.“ und hatten auch Landschaftsgärten in England und Deutschland besucht. Im Zusammenhang mit den Recherchen des Landschaftsarchitekten Christhard Ehrig für die Erstellung des Parkpflegewerks kristallierte sich heraus, dass das Rasenparterre eine überzeugende Lösung für die Gestaltung des Gartens wäre.

Mit großem Elan begannen im Frühjahr 2008 zunächst die Erdarbeiten, denn es war zum einen klar, dass die für den Kaffeegarten aufgeschüttete 40 cm zu hohe Schotter- bzw. Kiesschicht nun doch abgetragen werden musste; zum anderen sollte der Jugendstilpavillon, der baustilmäßig nicht zum Herrenhaus passte, auf das südwestliche Ende der Insel transloziert werden. Beides waren Herkulesaufgaben, die technisch bewältigt und auch finanziert werden mussten. Danach kam es zunächst einmal zu einem Stillstand der Bauarbeiten hinter dem Haus. Zwei Sommer lang sah es dort aus wie im Braunkohlentagebau Garzweiler: man blickte in eine riesige, teilweise drei Meter tiefe Baugrube und die Bauleute überkam eine leichte Verzweiflung, wie und zu welchen Kosten dieses Loch wieder zu schließen wäre.

Ab Herbst 2009 gab es einen neuen Motivationsschub und im Mai 2010 waren dann alle Erd- und Gestaltungsarbeiten so weit gediehen, dass nun das Gärtnerische in den Vordergrund rückte. Es entstand ein barock anmutendes Rasenparterre, das mit kleinen Buxushecken umgrenzt war. Innen verlief rundum ein mit blauen und lila Stauden bepflanzter Beetstreifen,  der eine dezente Farbgebung aussstrahlte.

Leider konnten sich die Hausbewohner nicht lange an dieser Gestaltung freuen, denn der Buxus wurde schon in den Jahren 2012 und 2013 von einer Pilzerkrankung befallen, die bisher nicht auszurotten ist. Die Blätter fielen ab und obwohl sich die Büsche jweils nach einer Spritzung wieder erholten, dauerte dieser Erfolg niemals lange an. So fiel im Sommer 2014 die schmerzliche Entscheidung, die Staudenbeete samt Buchsbaum zu roden und alles neu zu gestalten. In diese Arbeit wurde dann auch die „Wildnis“ einbezogen, weil sich dort ein Staudenwildwuchs entwickelt hatte, der zwischenzeitlich zwar sehr reizvoll aussah, aber nicht mehr wirklich zu pflegen war. Nun sieht der Gräftengarten, der seinen barocken Charme verloren hat, etwas öde aus und die Neugierde ist groß, wie er sich nun entwickeln wird.

„Fertig“ wird der Garten nie, denn er ist lebendig und verändert sich ständig. Besucher sind eingeladen, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen und auch mit der Gärtnerin zu fachsimpeln.

 

  • Partimente
  • Der Rosenpavillon
  • Hannelores Garten
  • Der Gemüsegarten