Der Ehrenhof

ehrenhof-IMG_3385Der Zugang zum Herrenhaus erfolgt über die steinerne Bogenbrücke. Durch das (vermutlich in der Zeit um 1890 geschmiedete) Eisengittertor gelangt man auf den repräsentativen Ehrenhof, der das im klassizistischen Stil gebaute Gutshaus voll zur Geltung bringt. Der Ehrenhof ist bis über die Gutshausgiebel hinaus von einer Gräftenmauer umgeben und mit einer wassergebundenen Wegedecke befestigt. In der Mitte des Ehrenhofes gibt es eine ellipsenförmige Rasenfläche in deren Mitte wiederum ein mit Taxus gefasstes und mit Waldsteinia bepflanztes Rondell.

Auf der Ostseite wird der Ehrenhof von einer mächtigen Linde dominiert; auf der Westseite stand als angemessenes Pendant bis zum Jahr 2006 ein groß gewachsener Feldahorn. Dem legendären Sturm Kyrill fiel in diesem Jahr leider neben einigen großen Lebensbäumen auch dieser Ahorn zum Opfer; eine junge Linde wurde im Jahr 2011 nachgepflanzt.

Gerhard Dallmann schreibt über die Linde: „“Eingeengt von Bruchsteinmauern steht im Schlossgarten wie ein Wächter die noch wuchskräftige, breitkronige, mit Misteln bewachsene, etwa 300 bis 400 Jahre alte Linde. Sie zählt zu den schönsten Altbäumen in Minden-Ravensberg-Lippe. Der Betrachter spürt ihre Ausstrahlung und bewundert ihre Form und Größe. Einige Äste ihrer weit ausladenden, dichten Krone berühren bereits den Boden des Schlossparks, andere ragen weit über das Wasser der Gräfte. Erst in einer Stammhöhe von 2,50 Metern beginnt der erste Astansatz. Mehrere Starkäste im unteren Kronenbereich sind von Menschenhand geformt. Daher bezeichnen nicht wenige Naturfreunde den Baum als Tanzlinde. Doch ein genauer Vergleich zu den geleiteten Linden in Bexten, Spenge und Rödinghausen bestätigt leider nicht diese Annahme.

Ungewöhnlich stark ausgeprägt ist die Rindenstruktur. In fast künstlerischer Anordnung verlaufen rhomben- und zopfartige Muster vom Stammfuß bis weit in die Baumkrone. Auch stammartige Äste zeigen bis zu ihren Verzweigungen rhombenartige Zeichnungen. Ein besonders starker Kronenast ist ausgehöhlt. Nur Stahlstäbe halten ihn noch zusammen und verhindern somit einen größeren Astabbruch. Vermutlich reichen die Höhlungen des baumartigen Hauptastes bis in das Stamminnere.

Eine, so scheint es, unvergängliche Baumgestalt, die seit langem den Naturgewalten trotzt: Starkes oberirdisches Wurzelwerk mit tief gehenden Saugwurzeln und der besonders kräftige Stamm (610 cm im Sept. 1999, Krone 23 m) geben dem alten Baum die notwendige Standsicherheit. Stahlseile verbinden die oberen Starkäste miteinander und verhindern somit ein Auseinanderbrechen der viellastigen Baumkrone. Durch vorhandene Innenwurzeln kann die Linde sehr alt werden, denn mit ihrer Hilfe versorgt sie sich zusätzlich mit Nährstoffen. Jahr für Jahr trägt die „Schlosspark-Linde“ reichen Blätter- und Blütenschmuck. Weit in das neue Jahrtausend wird sie alljährlich mit ihrem mächtigen Blätterdach Baumschmuck und Baukunst vereinigen.

Leider gibt es über die Geschichte des alten Naturdenkmals keine Aufzeichnungen. Auch mündliche Überlieferungen fehlen. Wie so manche „1000jährige“ Linde wird auch dieser Baum seine jahrhundertealten Geheimnisse bewahren.“ (Gerhard Dallmann: Lieblich-lind duften die Lindenbäume. „1000jährige“ Linden in Minden-Ravensberg-Lippe. Herford 2001, S. 90-92).

Der Ehrenhof im Wandel der Zeiten – Geschichten
Auf dem Ehrenhof haben sich vermutlich viele Episoden – durchaus auch mit historischer Bedeutung – abgespielt, bei denen die Linde stumme Zuschauerin war. Es ist z.B. überliefert, dass die Engershauser Bauern in einer konzertierten Aktion die schön gepflegten Blumenrabatten des Herrn v. Berner verwüsteten, weil er sich u.a. erdreistet hatte, sein Vieh auf die Gemeinschaftswiesen der Gemeinde zu treiben, obwohl die Bauern ihm ohnehin schon viel zu viele Abgaben leisten mussten (siehe auch die Ausführungen über die Erbauer des Hauses unter: Haus und Hof / Geschichte / Familie v. Berner).

Vielleicht stand sie auch schon als junger Baum an ihrer Stelle, als der Obrist General v. Pappenheim im Jahr 1623 seine Unterschrift unter einen – sicherlich teuer bezahlten – Freibrief setzte, in dem er versprach, dass das Gut (damals Eickhof genannt) von der Brandschatzung ausgenommen würde. Das Formular befindet sich heute noch im Besitz der Familie v. Spiegel. Ob er in den Wirren des 30jährigen Krieges wirklich geholfen hat, ist unbekannt.

In den 1920er Jahren ließ Sophie v. Spiegel – besser bekannt als „Tante“ Sophie – regelmäßig sonntags ihre vierspännige Kutsche vorfahren, um zur Preußisch Oldendorfer Kirche zu fahren. In der Zeit des Reichsarbeitsdienstes vergnügten sich die Arbeitsmaiden nach ihren Ernteeinsätzen bei den Bauern der Umgebung unter der Linde, und in der sog. Hotelzeit bot sie die Kulisse für vielfältige Familienfeiern und die entsprechenden Fotografien.

Umgestaltung, Restaurierung
Bis zum Umbau des Herrenhauses als Hotel waren Hofeinfahrt, Brücke und auch Teile des Ehrenhofes mit Kopfsteinen gepflastert und entsprechend rumpelig, so wie es auf diesen Höfen üblich war. Für Hotelzwecke wurde im Jahr 1966 der gesamte Inselbereich mit einer 40 cm dicken Decke aus Schotter und vornehm wirkendem rotem Kieselsplitt überzogen. Vor dem Haus entstanden mit Rhododendronbüschen umgrenzte Parkplätze; hinter dem Haus ein lauschiger Kaffeegarten mit vielen Rhododendren. Die Brücke bekam eine Betondecke, innerhalb derer auch die Abwasserrohre neu verlegt wurden. Leider verschob sich damit ein Teil der wohl abgestimmten Proportionen von Haus und Hof. Das Haus sank sozusagen ein Stück tiefer in die Erde. Von der fünfstufigen stattlichen Freitreppe zum Hauptportal blieben nur noch drei Treppenstufen sichtbar (an der hinteren Haustür nur noch eine von drei Stufen). Und die beeindruckende Gräftenmauer um den Ehrenhof herum mutierte zu einem niedrigen Mäuerchen.

Der Ehrenhof ist einer der letzten Bereiche auf Gut Engershausen, der rückgebaut wurde. Es war leider nicht damit getan, den 40 cm zu hoch liegenden Schotter abzutragen und den Beton auf der Brücke zu zertrümmern. Denn die Leitungen (Wasser, Abwasser, Strom, Gas usw.), die über die Brücke führten und nun einbetoniert waren, mussten zunächst  auf dem Hof und der Brücke neu verlegt werden. Das erforderte punktgenaue Arbeit mit dem Bagger, um die Leitungen nicht zu beschädigen und aufwändige Nivellierungsarbeiten, um die Wasserfließrichtungen auf dem richtigen Niveau und mit dem entsprechenden Gefälle zu konsollidieren. Diese Aufgabe wurde darum auch viel später – in den Jahren 2012/13 – in Angriff genommen.

Im Jahr 1997 wurden zunächst einmal die fünf Stufen der vorderen Treppe wieder frei gelegt, ohne gleich den gesamten Schotter auf dem Ehrenhof abzutragen. So gab es zwar schon einmal eine neue Schotterung auf dem Ehrenhof, aber nur eine entsprechende Absenkung des Niveaus direkt am Zugang zur Treppe; bei Regen bildete sich nun dort ein kleiner See, den man nur mit einem großen Schritt  überqueren konnte. Allerdings konnte man so schon erkennen, wie erhaben der Aufgang zum Haus sich darstellte, wenn der Hof wieder auf seine ursprüngliche Höhe zurückversetzt würde.

Anlass dieser Teilsanierung war ein „Dioxinalarm“. Landesweit wurde aufgedeckt, dass viele öffentliche Plätze Mitte der 1960er Jahre mit einem besonders teuren (hochwertigen) roten Kies belegt worden waren, der mit Dioxin  hoch belastet war. Auch Raban v. Spiegel hatte beim Umbau seines Hauses zum Hotel damals „Kieselrot“ bestellt. Es erschien nun extrem gesundheitsgefährlich, den täglich aufgewirbelten Staub des Ehrenhofes und auch des hinteren Gartens einatmen zu müssen; es fehlte aber das Geld, um den Platz fachgerecht sanieren zu lassen. So versuchte die Familie v. Spiegel zunächst einmal, den trockenen Kies mit Sprenkleranlagen zu bewässern, um die Staubbildung einzudämmen. Gleichzeitig wurden Proben zur Giftigkeit des Materials in Auftrag gegeben. Einige Wochen später kam glücklicherweise die Entwarnung: Dieser Kies war kein Kieselrot. Er stammte auch einer ganz anderen Kiesgrube. Raban v. Spiegel war von dem Lieferanten schlicht und einfach betrogen worden.

 

  • Die Linde
  • Das Blumenbeet