Die Gräfte

image1-3Das Gutshaus steht auf einer Insel, die komplett von einer Gräfte umschlossen ist. Die Insel erhebt sich etwas höher über ihre Umgebung. Das liegt daran, dass man den Gräftenaushub zur Anhebung des Baugrundes nutzte, damit das Haus „„trockene Füße““ behielt, denn die Gegend war recht sumpfig. Fahrzeuge gelangen nur über die steinerne Bogenbrücke auf den Ehrenhof. Die Zufahrt konnte früher anscheinend durch eine Zugbrücke gesperrt werden; darauf deuten zumindest Rollen und Haken an den beiden Torpylonen am Ende der Brücke. Am Fuße der Pylonen befinden sich kräftige, abgerundete Radabweiser aus Sandstein.
Hinter dem Haus – etwas versetzt von der Mittelachse – wird die Gräfte mit einem Steg überspannt. Diese Stegverbindung vom Gräftengarten zum so genannten „Großen Boskett“ (dem heutigen Park) ist bereits im preußischen Urkataster von 1896 eingetragen. Eine weitere Stegverbindung über die Gräfte gab es früher auf der östlichen Giebelseite des Hauses zum Gutsgarten (heute Streuobstwiese). Die Brückenlager sind noch erhalten.

Die Gräfte im Wandel der Zeiten / Anekdoten
Im Kreis Minden-Lübbecke sind fast alle Herrenhäuser mit einer Gräfte umgeben. Gräften geben den Anlagen ihr nostalgisches Flair. Man denkt an Zugbrücken und die Verteidigung der Anlage gegen Feinde, eine Funktion, die aber spätestens mit der Erfindung der Feuerwaffen obsolet wurde. Sie behielten jedoch immer die Funktion, schnödes Diebsgesindel abzuhalten, denn hierfür reichte es ja, einen kurzen Teil der Brücke hochzuziehen und schon war der Zugang versperrt.

Gräften sind dennoch bis heute wichtig für die alten Häuser, denn früher stand das Grundwasser sehr viel höher und der sumpfige Baugrund erschwerte die Gründung der Fundamente der großen Gebäude. Die Häuser wurden daher auf eine Pfahlgründung gesetzt, die man sich als liegendes Fachwerk vorstellen muss. Als die vordere Brücke des Gutes, die ebenfalls auf einem liegenden Fachwerk steht, saniert wurde, konnte man diese Konstruktion gut betrachten. Allerdings muss das Gründungsholz durch konstante Feuchtigkeit gegen das Austrocknen geschützt werden, damit es nicht verrottet. Dieses garantieren Gräften, die immer genügend Wasser führen müsssen. Lässt man sie verlanden, wird sich über kurz oder lang das Mauerwerk setzen und Risse bekommen, was zum Zusammenbruch der Gebäude führen kann. Eigentümer solcher Häuser müssen also für einen guten Zufluss für ihre Gräfte sorgen und das Gewässer pflegen. Dazu gehört auch eine regelmäßige Entschlammung. – Einige Dorfbewohner erzählen heute noch mit Bewunderung, dass Raban v. Spiegel nach dem 2. Weltkrieg die gesamte Gräfte mit Spaten und Schaufel ganz allein ausgegraben hat.

Darüber hinaus bietet so eine Gräfte mancherlei Interessantes. So kursieren in Engershausen Geschichten vom Eislaufen der Dorfkinder in harten Wintern, wenn die Gräfte zugefroren war. Die Krönung dieser Ereignisse muss gewesen sein, dass Tante Sophie in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg den durchgefrorenen Kindern selbst gekochten, heißen Kakao servierte. Dieses Getränk war zu dieser Zeit ein großer Luxus und wenn er dann noch von „der „Herrschaft““ kam, wog das doppelt. – Auch heute könnte man in manchen Wintern noch Schlittschuh laufen, aber es sind nur noch selten Kinder auf dem Eis. Vielleicht liegt es auch am fehlenden Kakao …

Eine ganz neue Beschäftigung mit der Gräfte und ihren Inhalten ergab sich für die heutigen Bewohner des Herrenhauses im Jahr 2009. Bei den Baggerarbeiten auf der hinteren Gräfteninsel waren schon einige Schätze aus vergangenen Zeiten zum Vorschein gekommen: Im zugeschütteten alten Brunnen und einer ebenfalls mit Bauschutt verfüllten Zisterne fanden sich große Teile eines Kamingesimses aus dem Vorgängerbau, behauene Sandsteinplatten und eine der fehlenden Treppenstufen zur hinteren Haustür. Zudem fanden sich immer mehr Glas-, Porzellan- und Tonscherben aus ganz verschiedenen Epochen des Hauses. Carl-Maria v. Spiegel nutzte die Anwesenheit des großen Baggers, um nebenbei die verlandete Mauer an der Gräfte wieder freizulegen. Dabei förderte die Baggerschaufel mit der Erde und den Steinen an einer besonderen Stelle in der Nähe der großen Linde eine unverhältnismäßig große Menge von solcher Scherben zutage. Man war auf den Abort des Vorgängerhauses gestoßen, der zu allen Zeiten auch als Abfallhalde diente. Nun erwachte ein regelrechtes Scherbenfieber. Der Hausherr stieg in einen Taucheranzug und bewaffnete sich mit einer Schaufel und einem groben Sieb, um die Scherben regelrecht aus dem Schlamm herauszuwaschen.

An der Mauerkrone konnte es der Nachbar Günter Ritter kaum abwarten, bis die Schätze nach oben gelangten. Er ist ein großer Sammler und Kenner solchen Alltagsmülls und bis heute dabei, die Scherben zu säubern, zu kitten und verschiedenen Zeitaltern und Manufakturen zuzuordnen. Die Scherben geben Auskunft über das Alltagsleben auf Groß Engershausen: von Dreibein-Keramikkesseln aus dem 16. Jahrhundert bis zum Hakenkreuzporzellan des Reichsarbeitsdienstes in den 1940er Jahren. In der Folgezeit sah man immer wieder Bewohner des Gutes, die mit und ohne Werkzeug den Grabenaushub sezierten. Alle Scherben wurden und werden bei Herrn Ritter abgeliefert und der Schatz wächst immer noch. In einem Schaukasten in der Halle des Herrenhauses und im „Scherbenmuseum Günter Ritter“ kann man die schönsten der Funde bewundern (siehe die Ausführungen unter „Leben und Arbeiten / Kunst und Kultur / Geogarten und Scherbenmuseum).

Umgestaltung, Restaurierung
In der Hotelzeit drohte das Wissen über die Funktion einer Gräfte in Vergessenheit zu geraten. Als Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel das Gut übernahmen, führte die Gräfte nur noch zu Regenzeiten Wasser; im Sommer trocknete sie regelmäßig aus. Durch den Wildwuchs im Park waren die Ufer der Gräfte völlig zugewachsen. Das hatte zwar durchaus seinen Reiz, aber die großen herbstlichen Laubmengen beschleunigten die Verlandung der Gräfte weiter. Die Wasserrechte, die sicherten, dass aus dem angrenzenden Mühlenbach Wasser für die Bespannung der Gräfte abgezweigt werden darf, waren nicht rechtzeitig erneuert worden, so dass es keinen natürlichen Zufluss mehr gab.

Es dauerte eine Weile, bis den neuen Eigentümern die Brisanz dieses Themas bewusst wurde. Die ersten großen Schäden zeigten sich in Form von Rissen und dem Ausbrechen ganzer Mauersteine zu Beginn der 1990er Jahre in der Brückenanlage. Es musste dringend gehandelt werden, um die Fundamente von Haus und Brücke zu sichern. Im Jahr 1994 wurde dann zunächst die Gräfte geräumt. Eine große Moorraupe schob Unmengen von Schlamm (lt. Rechnung 1.100 qm) von hinten nach vorne, wo er auf Lastwagen gehievt und abtransportiert wurde. Weil die Entsorgung des Schlamms (zu) teuer war, wurde er zunächst auf dem Wirtschaftshof zu einem 10 m hohen Berg aufgeschüttet und rottete zwölf Jahre vor sich hin. Nach dem Roden des Pappelwaldes wurde der Gräftenschlamm dann zur Modellierung der neuen Parkwiese eingesetzt. Parallel dazu kostete es einigen Einsatz und Überzeugungsarbeit bei den Behörden, um eine neue Erlaubnis für die Einleitung von Wasser aus dem am Grundstück vorbei fließenden Mühlenbach zu erhalten. Auf diese Weise gelang es, die Gräfte wieder ihrer ursprünglichen Funktion zuzuführen.

Die Sanierung der großen Steinbrücke konnte aus Kostengründen erst einige Jahre später, genauer: im Jahr 1998 in Angriff genommen werden. Hier erwies sich nun allerdings der neu gewonnene Wassersegen als Hindernis, denn die Brücke musste ja bis auf den Grund abgerissen, neu aufgemauert und verputzt werden. In diesem Falle half die Preußisch Oldendorfer Feuerwehr mit einer großen Einsatzübung. Die Feuerwehrleute rammten rechts und links der Brücke große Spundwände in den Grund und verlegten im Eiltempo (deklariert als Übung) eine etwa 10 km lange Schlauchleitung bis zum Mittellandkanal, durch die sie das verbliebene Wasser in den Kanal pumpten. Die Wände hielten dicht, so dass die Maurer dann in Ruhe die Brücke sanieren konnten. Nach diesem Großeinsatz sah die Brücke aus wie zuvor, nur eben ohne Risse und niemand konnte mehr ahnen, wie hoch der Aufwand gewesen war.

Im Jahr 2010 – nach der Fertigstellung des Barockgartens – wurde auch der Zugang zum Park mit einer schönen, filigran wirkenden Bogenbrücke attraktiver gemacht. Der Interims-Holzsteg hatte „nur“ 16 Jahre gehalten.

Inzwischen ist es schon wieder an der Zeit, die Gräfte zu entschlammen und vor allem auch die Ufer neu zu befestigen. Die bei Gutsbesitzern nicht so beliebten Bisams haben die Ufer mit Akribie unterhöhlt, was zusätzlich dazu beitrug, dass immer mehr Teile der Uferböschung im Wasser versinken und Zacken in die ehemals gerade verlaufende Böschung reißen. Diese Arbeit muss jedoch noch etwas warten.

Heutige Nutzung
Heute wird die Gräfte hauptsächlich von Wildenten, Teichhühnern, einem Graureiher und manchmal eben auch von Bisams genutzt. Immer häufiger kommt auch Besuch von einem Eisvogel, der aber wahrscheinlich an einem Steilufer der Weser wohnt. Zudem haben Zeitgenossen – wahrscheinlich vor ihren Urlaubsreisen – Insassen ihrer Aquarien oder Gartenteiche im Wasser ausgesetzt, wo sie sich munter vermehren. Andere Wasserbewohner sind über den Bachlauf hinein gelangt, so dass sich inzwischen eine bunte Fisch-Mischung ergeben hat. Hier tummeln sich Goldfische, Karpfen, einige Hechte, unendlich viele Rotfedern und sicher auch einige Fischarten, die sich so gut verbergen, dass man gar nicht weiß, dass sie da sind.

Es gibt auch ein kleines Boot, mit dem die Gutsbewohner, – vor allem Kinder, – zwischenzeitlich kleine Ausflüge aufs Wasser unternehmen.

 

  • Linde mit Gräfte
  • Graben - Ost