1838-1933 Die Freiherren Spiegel zum Desenberg

FotovomDesenbergDas nebenstehende Foto zeigt eine Ansicht des Desenberges, einem Vulkankegel mitten in der Warburger Börde. Auf dem Desenberg stehen die Reste einer Burgruine, in denen man auch das Wappen mit den drei Spiegeln finden kann. Der Sage nach besiegte ein Ritter zur Zeit Karls des Großen einen Drachen (wahrscheinlicher ist, dass er sich in einem der Feldzüge des Kaisers verdient gemacht hatte). Karl der Große führte demnach diesen Ritter auf den Desenberg, gab ihm einen Spiegel und sprach: „Schau hinein und alles, was Du darin siehst, ist Dein“. Was er sah, war natürlich die gesamte Warburger Börde und so baute er hier seine Burg und nannte sich fortan Spiegel zum Desenberg. Später gab es Streit auf der Burg und ein Teil der Familie zog ins Tal, in das nahe gelegene Dorf Peckelsheim. Das waren die Ahnen der Spiegels von und zu Peckelsheim. Beide Linien existieren noch und haben sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder miteinander ins Benehmen gesetzt. So gab es z.B. die Abmachung, dass ein Spiegel’scher Besitz der jeweils anderen Linie zum Kauf angeboten werden musste, wenn es keinen Erben gab. Auf diese Weise wechselte Groß Engershausen zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Desenberger in die Peckelsheimer Linie.

Im Besitz der Freiherren Spiegel zum Desenberg ist Groß Engershausen seit dem Jahr 1838. Für das Meistgebot von 29.806 Talern erwarb Viktor Christian Wilhelm Freiherr Spiegel zum Desenberg/Rothenburg zunächst die eine Hälfte des Gutes; die andere ging an den Aktuar Heidsiek aus Lübbecke. Im Jahr 1839 kaufte er dann die zweite Hälfte hinzu.

Viktor Freiherr Spiegel zum Desenberg (*1803 + 1850) erwarb Groß Engershausen vermutlich über verwandtschaftliche Beziehungen; seine Mutter Karoline war eine Geborene von Berner. 1870 fiel einer der Söhne von Viktor, der andere verstarb 1897. Erben wurden seine Frau Karoline (siehe das Porträtfoto in der Galerie) sowie die Töchter Sophie und Berta. Das Galeriefoto zeigt Tochter Sophie, die als „Tante Sophie“ bekannt ist, im Jahr ihres Todes (1933).

Über das Leben der Freiherren Spiegel zum Desenberg ist wenig bekannt. Viktor baute das Mausoleum im Busquet, wovon u.a. der Wappenstein zeugt. Zudem gibt es einige, aus heutiger Sicht eher tragische, Geschichten über ihn und seine Frau Karoline. Letztere war bürgerlicher Herkunft und diese Liaison wurde in der Nachbarschaft nicht gerne gesehen.

Karoline Freifrau Spiegel zum Desenberg/Rothenburg

Eine kleine Geschichte dazu hat Luise Clüsener, eine Magd auf dem Lübbecker Gut Obernfelde, in ihren Lebenserinnerungen aufgeschrieben, die sich als außerordentlich interessantes Dokument über die damalige Zeit lesen. Es folgt zunächst ein kleiner Auszug, der Auskunft über die Schreiberin Luise Clüsener gibt:

„Lübbecke, den 26.2.1957.
Heute will ich nun auf den vielfach geäußerten Wunsch der Kinder versuchen, aus meinem und dem Leben meiner Vorfahren zu berichten – in nun 63 Jahren Selbsterlebtes – und was mir aus den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern im Gedächtnis haften geblieben ist. So will ich denn beginnen:

Obernfelde (Familie v.d. Recke)
Ich bin geboren am 18. Februar 1894 in Schröttinghausen, Krs. Lübbecke, auf dem Hof meiner mütterlichen Vorfahren, „auf der Masch“. Kurz vor meiner Geburt war mein Urgroßvater Franz Volbert im Alter von 85 Jahren gestorben. Mein Vater, Friedrich Wilhelm Hermjohannes, war auf diesen Hof eingeheiratet. Da aber mein Großvater Wilhelm Volbert und Vater sehr gegensätzliche Naturen waren, hatte man sich dann, nach fünf, wohl sehr unerquicklichen Jahren entschlossen, sich zu trennen. Im Ministerhaus Obernfelde, wo mein Vater schon als Junggeselle einige Jahre als Kutscher gedient hatte, wurde diese Stelle mit einer kleinen Wohnung frei, und so zogen wir dann, Vater, Mutter und Schwester am 1. April 1894 in das alte gemütliche Kutscherhäuschen, zu den beiden Damen Caroline und Luischen von der Recke. Vater als Kutscher, Gärtner und Verwalter der kleinen Landwirtschaft, bestehend aus 1 Pferd, 2 Kühen, Schweinen und Hühnern, dem dazugehörenden Acker und großen Garten. Hier nun haben wir alle, besonders wir Kinder, selten glückliche Jahre verlebt.“

Das gesamte Dokument (Luise Clüseners Lebenserinnerungen) ist im Internet zu finden:
http://www.gerhardclusener.com/gLHCpages1-9.html

Der Ausschnitt zu Karoline Prigge (sie nennt sie irrtümlich Minna Prigge) liest sich wie folgt:
„Von Benkhausen habe ich nur noch die Baronin v.d. Busche-Münnich mit ihrem Sohn Alhard gekannt. Sie war eine sehr schöne, junge, lebenslustige Witwe, die oft ihren Adelsstolz vergaß, und unter ihrem Stand heiraten wollte, es ist aber nie etwas daraus geworden. Anders war es bei dem Freiherrn vom Spiegel zum Desenberge (In diesem Berge, Desenberg bei Warburg, sollst du glänzen als ein Spiegel, – Karl d.Große.) Der hat trotz seines alten Adels und hochklingenden Namens seine Wirtschaftsmamsell mit dem einfachen Namen Minna (Karoline) Prigge geheiratet und damit zur Gutsherrin von Groß-Engershausen gemacht. Aber vom Adel der Umgegend wurden die v.Spiegels seitdem gemieden und jeglicher Verkehr mit ihnen abgebrochen. Ich habe nur noch die beiden Töchter der Minna geb. Prigge als alte Damen gekannt.“

Im Jahr 2011 kehrte ein sehr schönes Gemälde von Karoline v. Spiegel, geb. Prigge nach Groß Engershausen zurück. Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel konnten es mitsamt einigen Möbeln aus Groß Engershausen von Frau Dr. Ingeburg Kröner zurück kaufen, deren verstorbener Ehemann es von seiner Urgroßmutter, einer Spiegel zum Desenberg geerbt hatte. So ist es nach fast 150 Jahren wieder heimgekehrt.

Sophie Amalie Mathilde Freifrau Spiegel zum Desenberg/Rothenburg

Sophie (*1841 +1933) wohnte nach dem Tod ihrer Mutter Karoline Prigge zuletzt allein auf Groß Engershausen. Im Dorf hatte sie – anders als in der adligen Nachbarschaft einen guten Ruf. Eine der Geschichten, die über sie erzählt werden, bezieht sich darauf, dass sie in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg an die Kinder, die auf der Gräfte Schlittschuh liefen, heißen Kakao einschenkte. Dieses Getränk war zu dieser Zeit ein großer Luxus und wenn er dann noch von der „„Herrschaft““ kam, wog das doppelt. (Hier konnte sie wohl die von Elvira Vely Jungken beschriebenen Tugenden als verhinderte Pfarrersfrau ausleben). Bekannt ist auch, dass sie sich in den 1920er Jahren sonntags mit ihrer vierspännige Kutsche zur Preußisch Oldendorfer Kirche fahren ließ. Vielleicht war sie auch als vertraute Beraterin für einige Menschen wichtig, denn ein Hinweis besagt, dass sie vor ihrem Tod einer jungen Frau gesagt hat: „Wenn Du mich brauchst, weißt Du, dass ich im Mausoleum zu finden bin“. Und so kommt es vielleicht, dass sie lange in der Nähe geblieben ist.

Es ist nämlich allgemein bekannt, dass Tante Sophie auf Gross Engershausen spukt. Diese Erfahrung machten auch Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel, als sie im Jahr 1979 das Gut übernahmen.
So fanden sich eines schönen Morgens im Geschirrschrank einige mit Wasser gefüllte Tassen und alle Anwesen stritten ab, dafür verantwortlich zu sein.
Ein anderes Mal tropfte Wasser mitten aus einer Zimmerdecke, obwohl sich weit und breit kein Wasserrohr und auch keine undichte Stelle befand. Einen Tag später war alles wieder trocken.
Während der Obsternte geschah es, dass die Familie die geernteten Äpfel sorgfältig auf den Regalen im Keller eingelagert hatte: Stile nach unten, Blüte nach oben, wie es sich gehört. Am nächsten Morgen waren die Äpfel genau so sorgfältig umgedreht: Stile nach oben, Blüte nach unten.
Und es konnte auch passieren, dass man nachts von einem herzlichen Lachen im Obergeschoss aufwachte, obwohl oben niemand schlief.

Solche Ereignisse häuften sich Anfang der 1980er Jahre. Aber es blieb immer bei liebenwürdigem Schabernack; Tante Sophie’s Gespenst war nie bösartig. Heute spukt sie nur noch selten. Vielleicht ist sie der Meinung, es sei nun alles in Ordnung; sie brauche nicht mehr aufzupassen. Vielleicht gefällt es ihr auch in dem neu renovierten Mausoleum, vor allem seitdem ihre Gebeine wieder vollständig im Sarg liegen (unverschämte Einbrecher hatten dem Sarg und ihren Gebeinen sehr zugesetzt, siehe auch den Bericht über das Busquet). Allerdings leistet Tante Sophie der Familie immer noch gute Dienste, wenn es darum geht, Merkwürdigkeiten zu erklären, für die niemand die Verantwortung übernehmen möchte.

Im Übrigen ist die Familie v. Spiegel sehr dankbar für Geschichten und Anekdoten über Groß Engershausen, die ihr noch nicht bekannt ist. Bitte nehmen Sie Kontakt auf, wenn Sie solche Geschichten kennen.

 

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