1945-1964 Nachkriegszeit/Neubeginn

59D6A8A61952 übernahm Raban Benito Thodrank, Freiherr Spiegel v.u.z. Peckelsheim (*1927 +2008), mit seiner Frau Olga Maria Louise Hedwig Spiegel geb. von Schlichtegroll-Pentz (*1929, +2014) das Gut Groß Engershausen. Die Landwirtschaft war bis zu diesem Zeitpunkt verpachtet, die Gebäude waren in einem sehr mäßigen Zustand.

Rabans Vater, Gebhard Freiherr Spiegel v.u.z. Peckelsheim aus dem Hause Schweckhausen, wohnhaft in Spiegelsberge/ Bielefeld, hatte es bereits 1920 unter Vorbehalt von Nieß- und Nutzrechten von Sophie Amalie Mathilde (*1841 +1933) geerbt, selbst aber nie dort gewohnt. Er ließ zum Start und als Hochzeitsgeschenk das Dach der großen Fachwerkscheune neu eindecken und gab dem jungen Paar Gelegenheit, drei hoch tragende Herdbuchrinder in Hamm auf der Auktion zu ersteigern.

Das Gutshaus war zu diesem Zeitpunkt bis in den letzten Winkel belegt mit wohnungssuchenden Flüchtlingen, die nach dem Auszug des Reichsarbeitsdienstes im Jahr 1944 hier Unterkunft gefunden hatten. Daneben beherbergte es die ländliche Berufsschule für Mädchen, – kurz die „„Puddingschule““ genannt. Im Park standen damals etliche kleine Buden, in denen einige Bewohner Hühner und Kaninchen züchteten, um ihren Mittagstisch zu bereichern. Zudem war man als „Selbstversorger“ nach dem Krieg darauf angewiesen, Tauschobjekte zu besitzen (z.B. Eier gegen Zigaretten).

Die sanitären Anlagen waren verwegen: – im Erdgeschoss gab es an Ende des langen Ganges zwei Toiletten, daneben – – auch auf dem Gang -– ein tiefes Waschbecken. Eine Tür führte in das einzige „Badezimmer“, noch aus der Zeit des weiblichen Reichsarbeitsdienstes stammend. Dort stand ein Kohlebadeofen plus Wanne, denen vorgelagert drei Waschbecken und unter der Decke befanden sich auch noch drei Duschen. Der Raum war insofern pflegeleicht, als in den Betonfußboden eine Abflussrinne gezogen war und so das Duschwasser schnell verschwinden konnte.

Der Wohnungsmarkt wurde mit der Zeit offener. Spiegels konnten mit dem Auszug einiger Menschen übers Haus verteilt drei Räume in der ersten Etage in Eigennutzung nehmen. Die Südost-Ecke wurde zur Wohnstube, in der Mitte mit Blick zum Hof wurde die Schlafstube eingerichtet und die Südwest-Ecke nannte man Küche. Dort gab es einen großen Tisch, aus dem man eine Schublade mit zwei Spülschüsseln zog. Auf einem Schemel stand der Elektroherd mit zwei Platten plus Backofen. Dieser Küche vorgelagert waren -– wie im Erdgeschoss -– zwei Toiletten und auch wieder ein Spülstein. So hatte die Hausfrau nur einen kurzen Weg, Wasser zu entnehmen und vor allem, auch zu entsorgen. Eine Badestube gab es nach wie vor nur im Erdgeschoss!

Schon in den nächsten Jahren verbesserte sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt ganz erheblich, die „„Puddingschule““ zog aus, und auch die Lehrkräfte bekamen andere Wohnungen. Flüchtlinge, die viele Jahre recht erbärmlich gewohnt hatten, konnten in komfortablere Wohnungen umziehen und die Familie Spiegel dehnte sich raummäßig aus: die Übernahme der „Puddingküche“ war das Größte, eine ganz lange, gekühlte  Kellertreppe ersetzte den Kühlschrank. Die Badestube blieb bis 1955, doch kurz vor der Geburt des ersten Sohnes (Carl-Maria, 1954) wurde in der ersten Etage wieder eine Stube frei, in der er dann geboren wurde. Erst im folgenden Jahr war es möglich, die Badestube oben einzurichten. Man kann es sich heute nur schwer vorstellen, wie man mit Kleinkind durchs kalte Haus sauste. Immerhin gab es im Keller eine Holzbottichwaschmaschine der Firma Miele: In dem ovalen Bottich wurde die Wäsche, die zuvor im Kessel gekocht wurde, nun hin und her geschleudert, dann musste man sie wieder herauswuchten, durch eine Rolle drehen (entwässern), neu spülen usw.  Alle Stuben waren mit Dauerbrandöfen bestückt; das bedeutete also, dass man Holz und Kohlen herauf- und Asche und Schlacke wieder herunter tragen musste.

Zum ersten Schlachtfest kam eine enorm tüchtige Flüchtlingsfrau („“Tante““) aus dem Nachbardorf zum Helfen. Als wieder Räume frei wurden, zog sie mit dem lieben, alten Vater und ihrem Sohn ins Gutshaus ein. Sie betätigte sich hilfreich in Haus und Garten und wurde zu einer wichtigen Bezugsperson für die Kinder.

Raban v. Spiegel stellte die Landwirtschaft schon 1956 auf biologisch-–dynamische Wirtschaftsweise um. Er schaffte neue Maschinen an und vergrößerte nach und nach den Viehbestand. Nach dem Tod seines Vaters Gebhard musste er seine Tätigkeit auf zwei Standorte verteilen: die Landwirtschaft Groß Engershausen und die Forstwirtschaft auf Spiegelsberge bei Bielefeld, wo er mehr und mehr gebraucht wurde. In Engershausen war nun ein landwirtschaftlicher Betriebshelfer mit Familie tätig.

Ab 1963 konnte Raban v. Spiegel sich kaum noch um den Hof kümmern, denn auf Spiegelsberge lief nun auch die Verpachtung der Kaffeewirtschaft „„Waldheim Waterbör““ aus. Die Familie war nach wie vor bemüht, das Gut in Eigenregie zu führen. Noch zwei Jahre lebte Olga v. Spiegel mit den beiden Söhnen auf Engershausen und versuchte, das Gut mit Hilfe des Betriebshelfers zu halten. Dann fiel die Entscheidung, den Hof aufzugeben und sich ganz dem neuen Projekt Spiegelsberge zu widmen. Im Jahr 1965 zog also auch der Rest der Familie in die Berge. Raban verkaufte das Ackerland und baute mit dem Erlös das Gutshaus zum „Schloss-Hotel mit Restaurant“ um. Olga führte das Hotel zunächst noch einige Zeit in eigener Regie, aber dann verpachtete es die Familie an einen bekannten Koch der es in der ersten Zeit mit großem Erfolg betrieb.

Der Wirtschaftshof war nun stillgelegt und ein Landwirt aus dem Dorf Engershausen pachtete die Fachwerkscheune, um dort Schweine zu mästen.

 

Text: Olga v. Spiegel