1979- heute

Im Januar 1979 zogen Carl-Maria und Hiltrud v. Spiegel (damals noch nicht verheiratet) in Groß Engershausen ein. Es war ein bitterkalter Winter und die Straße nach Bielefeld war auf der Höhe des Ortsteils Offelten zwei Meter hoch verweht, so dass eine Schneefräse zum Einsatz kommen musste. Das Hotel war noch voll möbliert, so dass die beiden zunächst einmal die Schleiflackmöbel aus den Zimmern herausräumen mussten, in die sie einziehen wollten. So begannen die beiden neuen Besitzer – ähnlich wie die Schwieger-/Eltern (Olga und Raban v. Spiegel) im Jahre 1952 – sich das Haus stückweise anzueignen. Zimmer für Zimmer wurden die Hotelmöbel entfernt und in Nutzung genommen. Der 100 qm große Ess-Saal mit dem offenen Kamin wurde zunächst zum Wohnzimmer, das mit einigen wenigen Polstermöbeln und einem kleinen Tisch vor dem Kamin ausgestattet wurde. Und Esszimmermöbel gab es ja zur Genüge.

Die Hotelküche war inzwischen von Kakerlaken eingenommen worden, die auch einen entsprechenden Gestank verbreiteten. Schaltete man das Licht ein, stoben sie nach allen Seiten auseinander. Die Küche war ein riesiger Raum, der 2 m hoch grau gefliest war und die großen Küchengeräte standen in der Mitte und an den Seiten. Einige ließen sich zunächst gar nicht entfernen. Die große Friteuse stand z.B. in einem 20 cm hohen Bett aus altem Fett, so dass erst einmal die Brechstange zu Hilfe geholt werden musste, um sie vom Boden zu lösen. Doch bald war auch dieser Raum leidlich benutzbar.

Die Heizung funktionierte, aber weil die Verbindungsrohre teilweise auf Putz verlegt waren und Dämmung in den 1960er Jahren und auch danach ein Fremdwort war, kostete das Heizöl monatlich gerade so viel, wie Hiltrud v. Spiegel als Sozialpädagogin verdiente. Somit war schnell klar, dass die Zentralheizung nicht zu halten war. Die Heizkörper wurden abgebaut und für die wichtigsten Räume Holzöfen angeschafft. Das Holz konnte im Spiegelsberger Wald gesammelt und dann hertransportiert werden. Sägen, klein hacken, einstapeln und dann heizen – wer das schon einmal selbst gemacht hat, weiß auch, dass man beim Holzmachen mehrmals warm wird.

In den ersten Jahren offenbarte das Haus einige Überraschungen. So gab es gleich im ersten Winter eine totale Verstopfung der Abflussrohre unter der Küche, weil das Frittierfett in den Rohren erkaltet war und das nun fehlende heiße Wasser nicht mehr dazu beitrug, eine kleine Abflussrinne freizuhalten. Der Rohrreinigungsdienst setzte bei seiner Arbeit alle Kellerräume knietief unter Wasser. Und weil ja nun die Zentralheizung abgebaut war, platzte am Tag vor Weihnachten (1979) in der obersten Etage eine zugefrorene Wasserleitung, so dass das Wasser über drei Etagen nach unten lief. Es gab Pilzbefall in den Lehmdecken und die Balkenköpfe waren teilweise abgefault, die Fenster waren undicht und mussten erneuert werden usw. So mussten die Bewohner in den ersten Jahren überwiegend auf solche Widerfahrnisse reagieren und reparieren, was sich ergab. Zudem war das Geld knapp, so dass überwiegend „mit „Bordmitteln““ gearbeitet werden musste.

Das Wohnen im Herrenhaus war eine Sache, aber was fängt man generell mit so einem großen Haus an? Und was mit den anderen Häusern? Zu zweit lässt sich so etwas gar nicht bewirtschaften und erst recht nicht finanzieren. Also mussten Gleichgesinnte gesucht werden, die bereit waren, ihre Arbeit und ggf. auch ihr Geld zu investieren. Das gesamte Anwesen Groß Engershausen bot im Prinzip Raum und Material für die Realisierung vieler Träume. Und so begann die lange Phase der Experimente.

Die Experimentierphase (1979 -– 1984)
„Alternativ geht’s manchmal schief“. Experimente für ein alternatives Leben (auf dem Lande) wurden in verschiedensten Konstellationen versucht. Es kamen Einzelpersonen oder Paare – mit und ohne Kinder und meist mit wenig Geld – die hier leben wollten. Einer schaffte sich als erstes Enten an und baute dafür einen Stall. Andere brachen einen Großteil der Gartenwiese um, um künftig vom selbst Angebauten zu leben, ohne genau zu wissen, wie man das macht. Wieder andere richteten sich in der Remise ein Atelier ein und bauten kunstvolle Marionetten, um sie zu verkaufen. Auch ein Proberaum für Musiker entstand und zeitweise war der Hof mit großen, ausgebauten Zirkuswagen belegt . Manche mieteten sich ein Zimmer als Wochenend- oder Feriendomizil (Miete: Beteiligung an der Instandsetzung der eigenen Wohnung). Die wenigsten lebten in festen und auskömmlichen Arbeitsverhältnissen; in dieser Zeit träumten viele den Traum einer Einheit von Leben und Arbeit am gleichen Ort im kommunikativen Zusammenhang einer Wohngemeinschaft. Allerdings erwies sich die Realisierung der Träume als außerordentlich schwierig und mit zwischenmenschlichen Problemen verbunden.

Die Sozialpädagogen Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel arbeiteten derweil beide in Bielefeld; sie an der Fachhochschule für Soziale Arbeit, er absolvierte eine Lehre als Zimmerer. Die Interessenten  brachten oft sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Nutzung dieses Hauses mit, verbunden mit der Folge, dass die meisten Bewohner das Anwesen über kurz oder lang wieder verließen. Da die Eigentumsfrage nicht zur Disposition stand, war auch niemand bereit, wirklich zu investieren. Es war an der Zeit, einige grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. Dazu gehörte der Entschluss, das Haus nicht weiter „hobbymäßig“ auszubauen, sondern handwerks- und auch denkmalgerecht zu sanieren. Zum anderen musste es klare Mietverhältnisse geben, um eine sinnvolle Lebensperspektive zu gewinnen. Der Zufall spülte eine Generation ernsthafter Interessenten für Wohnen und Arbeiten und mit handwerklichen Fähigkeiten ins Haus, so dass nun eine neue Phase begann.

Die Bau- und Konsolidierungsphase (1984 -– 2003)
Das Kapellenhaus war schon 1980 in Erbpacht abgegeben worden. Die erste Familie mit Kind –- der Ehemann war Maurermeister –- mietete den großen Gastraum gegen ein 30jähriges Wohnrecht und baute ihn fachgerecht zu einer Wohnung um (1985). Zwei andere Familien erwarben das Melkhaus im Erbbau (1985) und zuletzt wurde die große Fachwerkscheune umgebaut und vermietet (der vordere Teil im Jahr 2001 ebenfalls im Erbbau, der hintere im Jahr 2003 als Mietobjekt). Bis heute ist diese Konstellation der Bewohner auf dem Hof weitgehend konstant.

Ebenfalls im Jahr 1985 gründete Carl-Maria v. Spiegel zusammen mit einem befreundeten Tischler und einem Tischlermeister die „Engershauser Holzwerkstatt“, eine Kombination aus Zimmerei und Tischlerei, die fortan auch einen großen Teil der anfallenden Zimmerer- und Tischlerarbeiten auf dem Gelände übernehmen konnte. Als Werkstätten dienten die Remise und auch die große Feldscheune, die für diese Zwecke umgebaut wurden. Später – im Jahr 1991, nachdem Carl-Maria die Meisterprüfung abgelegt hatte, – trennten sich die Gewerke und arbeiteten separat weiter. 1991 wurde die Zimmerei Heinrichs und v. Spiegel gegründet, aus der 1993 die Zimmerei Carl-Maria v. Spiegel, wie sie sich heute darstellt hervorging.

Fast alle Wohnparteien zogen vor der Fertigstellung ihrer Häuser oder Wohnungen für eine Übergangszeit ins Herrenhaus, weil es vor Ort viel leichter war, die Umbauarbeiten voranzutreiben. Es gab ja Platz genug zum Wohnen. Auf diese Weise entstanden die ersten nachbarschaftlichen Beziehungen und man half sich gegenseitig. Ab Mitte der 1990er Jahre, als dann auch hier die aufwändige Sanierung weitgehend abgeschlossen war, wurden auch im Gutshaus eine weitere Wohnung sowie ein Büro dauerhaft vermietet. Im Jahr 2013 kam eine weitere Mietwohnung hinzu.

Neben der regen Bautätigkeit in allen Häusern spielte sich ein interessantes Leben ab. Es gab immer wieder größere und kleinere Feste; manche der anfallenden Arbeiten wurden mehr oder weniger gemeinschaftlich erledigt und mit gemeinsamen Essens- und Feieraktivitäten verbunden. Und natürlich gab es auch Phasen, in denen nicht alles so glatt lief und man sich eher aus dem Wege ging.

Die Phase der friedlichen Koexistenz (2004 –-  heute)
Seit einiger Zeit geht es verhältnismäßig ruhig zu auf Groß Engershausen. Die Sanierung der Gebäude und die Anlage der Gärten sind weitgehend abgeschlossen. Drei Generationen von Kindern wurden auf dem Gutshof geboren: Die ersten vier kamen Anfang bis Mitte der 1980er Jahre zur Welt; weitere sechs Anfang bis Mitte der 1990er Jahre und noch einmal 10 Jahre später drei Kinder. Zurzeit gibt es auch schon zwei Enkelkinder und die ersten Ruheständler. Leider sind von den Bewohnern, die Anfang/Mitte der 1980er Jahre die Häuser renovierten, bereits drei gestorben.

Ein Teil der großen Kinder hat den Hof zwecks Ausbildung, Studium oder Berufsarbeit verlassen. Die heutigen Bewohner arbeiten und leben im mehr oder weniger lockeren Zusammenhang und genießen die Atmosphäre, jeder auf seine Weise. Es gibt inzwischen auch mehr kulturelle Ereignisse, wie z.B. der Veranstaltungskalender auf dieser Website zeigt. Vielleicht wird das Gut vorübergehend zu einer Wohnanlage, in der überwiegend alte Menschen leben; vielleicht kommen einige der Kinder zurück, um hier weiter zu wohnen – die Zukunft wird zeigen, wo es hingeht.