Das Gutshaus

Ansicht_Engershausen_2003Das Gut Groß Engershausen liegt nordöstlich von Preußisch Oldendorf in einem kleinen Landschaftspark auf einer rechteckigen, von einer Gräfte eingefassten Insel, die von der östlichen Schmalseite über eine ehemalige Zugbrücke zugänglich ist. Das 1783 errichtete heutige Herrenhaus steht in Ost-West-Richtung mit seiner nördlichen Hoffassade der Brücke gegenüber.

Historische Pläne dokumentieren, dass der Vorgängerbau einen rechteckigen Grundriss aufwies und links von der heutigen Brücke in Nord-Süd-Richtung stand. Diese Annahme wurde durch Querschläge bei Untersuchungen zur ursprünglichen Gartenanlage durch das Auffinden eines älteren, intakten Brunnens und von Fundamenten bestätigt. Auf die Ausstattung und die Alltagskultur im Vorgängerbau verweisen zahlreiche Funde in der Gräfte, vor allem in der südöstlichen Flanke der Insel. An dieser Stelle hat sich vermutlich ein Aborterker befunden, in den man zerbrochene Alltagsgegenstände warf. Sie befinden sich heute in den Räumen des Scherbenmuseums Günter Ritter.

Das Gutshaus ist in französischem Fachwerkstil errichtet. Sehr viele Details im Innenausbau tragen die Handschrift des Kasseler Oberbaudirektor Simon Louis du Ry, der im Zeitraum von 1774 – 1782 das benachbarte Barockschloss Hüffe erbaute. Da die Eigentümer von Hüffe und Groß Engershausen beide im Dienst des Kasseler Landgrafen standen, ist davon auszugegehen, dass die Pläne für beide Häuser vom selben Architekten stammen.

Das Grundrissgefüge ist weitgehend symmetrisch angelegt: Im Erdgeschoss betritt man die zentrale Halle. Von hier aus führt die zunächst zweiläufige Treppe mit ihren in Rokoko-Formen geschnitzten Balustraden (Geländerharfen), die an einem Wendepodest zu einem mittigen Lauf zusammengeführt wird, in den mittigen Raum der Enfilade, also den repräsentativen Räumen auf der Nordseite des 1. Obergeschosses. Das Grundrissgefüge von 1783 ist in seinen wesentlichen Zügen bis heute erhalten bzw. aus den Baubefunden nachvollziehbar gewesen.

Das äußere Erscheinungsbild des Herrenhauses Groß Engershausen konnte an der Stelle nachgewiesen werden, an der der Anbau an den Hauptbaukörper anschließt. Die Farbe der Außenwände (ein rötliches Ocker) wie auch die Art des Verputzes (flächiger Verputz des Fachwerkbaus, durch den das Erscheinungsbild eines Massivbaus erreicht werden sollte) und die Sohlbänke der Fenster, deren Vorderseiten wie bei einem Sandstein senkrecht scharriert erschienen, obwohl sie aus Eichenholz bestanden, wurden so rekonstruiert.

Umbau / Restaurierung
Nach dem Erwerb der Anlage durch die Familie der Freiherren Spiegel zum Desenberg im Jahr 1838 erhielt das Gebäude auf der westlichen Schmalseite einen zweiachsigen Anbau, der seitdem leider die achsiale Symmetrie des Hauses stört. Ob das Haus – wie Bauzeichnungen aus dem Jahre 1838 nahe legen – nach nur ca. 50 Jahren ein neues Dachwerk erhalten hat, konnte noch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Auf diesen Bauzeichnungen ist das vorhandene Satteldach in seinen konstruktiven Merkmalen detailliert angegeben, so dass man mutmaßen kann, das Haus sei im Zuge der Erweiterung im Erscheinungsbild aktuellen Architekturauffassungen angepasst worden.

Die Fassaden des massiven Anbaus wurden mit einem rauen Bewurf an den ursprünglichen Verputz des Haupthauses angepasst, so dass die Erweiterung sich dem Gebäude wie selbstverständlich anfügte. Mit dem Anbau verbunden gewesen ist die Errichtung einer Toilette mit Wasserspülung und einer Abortgrube an der westlichen Stirnseite des Anbaus, die einen Überlauf mit Querung über die Gräfte zur Wiesenfläche im Osten erhielt. Die Wasserversorgung erfolgte für die Küche über den Brunnenanschluss mit einer aus Biberschwänzen gemauerter Gefällerinne zur Zisterne im Gewölbekeller, später ersetzt durch Bleirohr mit Pumpe im Haus (bei Vorarbeiten für die Rekonstruktion des Rasenparterres 2008 aufgefunden).

Für die Nutzung bzw. Verpachtung des Gutshauses als Hotel (von 1964 bis 1978) wurde stark in die Bausubstanz und in das Erscheinungsbild eingegriffen: Im Inneren wurden Übernachtungszimmer mit Badezimmern ohne Rücksichtnahme auf die ursprüngliche Raumteilung geschaffen. Die bauzeitlichen brüstungshohen Wandvertäfelungen aus Rahmen und Füllung wurden durch ähnliche aus Spanplatten ersetzt, die bauzeitlichen Zimmertüren durch zeitgemäße mit rustikalem Erscheinungsbild. Stuckdecken wurden herausgerissen und abgehängt, Fußbodenbeläge der Erbauungszeit mit Spanplatten und Teppichböden belegt und die spätbarocke Treppe mit einem roten Teppichboden überzogen. An den Fassaden waren bereits 1956 der abgängige Putz abgeschlagen und das Fachwerk sichtbar gemacht worden: die Hölzer wurden dunkelbraun, die Ausfachungen beige gestrichen. Die Fenster, die aus der Umbauphase um/nach 1838 erhalten waren, wurden durch Fenster mit „barocker“ Sprossenteilung ausgetauscht.

Als Carl-Maria und Hiltrud v. Spiegel das Haus 1979 aus Familienbesitz übernahmen, traten sie ein bautechnisch problematisches „Erbe“ an, weil die „Hotelzeit“ nicht nur stark in den historischen Bestand eingegriffen hatte, sondern auch weil viele Bauschäden schlecht oder falsch saniert worden waren, so dass erhebliche Schäden an der Baukonstruktion vorhanden waren. Der Sozialpädagoge Carl-Maria v. Spiegel absolvierte zu dieser Zeit eine Ausbildung zum Zimmerer und ging – unterstützt von seiner Frau – zunächst daran, Fassade für Fassade, Wand für Wand konstruktiv richtig und mit den traditionellen Materialien in Ordnung zu bringen. Eine wichtige Vorraussetzung hierfür war die Erstellung eines verformungsgetreuen Aufmaßes (gemeinsam mit dem Architekten Wilfried Tiemeier, Hüllhorst). Nach etwa zehn Jahren, in denen die Familie und die Freunde, die Teile des Hauses bewohnten, immer wieder „auf der Baustelle“ lebten, waren die konstruktiven Mängel behoben.

Eine baugeschichtliche Untersuchung 1989/1990 (Dr. Holger Reimers, Hohenfelde) erbrachte einen weitgehenden Aufschluss über an das ursprüngliche Erscheinungsbild. Entsprechend konnten die nächsten Schritte angegangen werden. Die Fassaden wurden (1992/1993) mit einem bauphysikalisch angemessenen reinen Kalkputz neu verputzt und nun sah Groß Engershausen wieder aus wie das Gutshaus, als das es der hessische Präsident Ludwig August Friedrich v. Berner 1783 errichten ließ. Im Inneren waren die Räume bis dahin mit den beschränkten Mitteln, die der jungen Familie zur Verfügung standen, auf einfache Weise – und dem Zeitgeschmack entsprechend – mit weißen Wänden zu Naturholz-Fußböden sehr wohnlich hergerichtet worden. Das Treppenhaus wurde 1993 im Anschluss an den Verputz der Fassaden in historischer Technik überarbeitet; für die übrigen Innenräume fehlten jedoch für einige Jahre das Geld und der Elan. Andere Aufgaben wie Familie und Beruf, aber auch die Herrichtung der Nebengebäude forderten die volle Aufmerksamkeit.

Erst nach der Jahrtausendwende begannen die Überlegungen, den Räumen ihre ursprüngliche Ausstattung zumindest teilweise zurückzugeben. Jahr um Jahr, Raum für Raum wurde aus den erhaltenen Resten analog ergänzt und vervollständigt. Die fehlenden Zimmer- und Flügeltüren waren schon im Laufe der Jahre in schlichten Formen des 19. Jahrhunderts ergänzt worden. Bei der Ausstattung der Räume, für die eine brüstungshohe Wandvertäfelung nachgewiesen war, bestand nun die Frage, ob sie anhand von Analogbeispielen nachgebaut werden sollten. Der denkmalpflegerischen Maxime folgend, dass nicht vorhandene Bauteile nicht ergänzt werden müssen, und gleichzeitig zu wissen, dass die brüstungshohen Wandvertäfelungen eine große Bedeutung für die Raumproportionen besitzen, entwickelte sich das Konzept, diese Vertäfelungen mit malerischen Mitteln darzustellen. Illusionsmalerei als Teil einer barocken Raumgestaltung wurde hier verwandt, um eine verloren gegangene Ausstattung darzustellen. Bei der Farbgestaltung wurden zahlreiche Befunde, die die Hotelnutzung überlebt hatten, aufgegriffen und – abgestimmt auf die Zeit, in der die Spiegel’sche Familie 1838 in den Besitz des Gutes gekommen war und bereichert aus Anregungen vergleichbarer Häuser – variantenreich realisiert. Durch den Einbau einer in Lehm eingebetteten Wandflächenheizung konnte die Anmutung der ursprünglichen Raumgestaltung ungestört erhalten werden. Eingerichtet mit historischen Möbeln aus der Zeit von 1800-1880, die teilweise von den Erben der Freiherrn Spiegel zum Desenberg-Rotenburg erworben werden konnten, bietet Groß Engershausen nach über 30 Jahren Instandsetzungs- und Restaurierungsarbeit Hiltrud und Carl-Maria v. Spiegel und ihren Kindern Moritz-Maria und Meret Sophie die Heimat, von der sie bei ihrer Entscheidung, in Groß Engershausen zu bleiben geträumt haben.

Heutige Nutzung
Heute wird das Gutshaus überwiegend von der Familie v. Spiegel bewohnt. Zwei Wohnungen sind vermietet und darüber hinaus hat der Dipl. Biol. Stefan Schwengel seit 2003 hier sein Planungsbüro „Objekt&Landschaft“ eingerichtet. Zudem wohnt hier die Diakonisse Schwester Edith Fickel, die Bienen züchtet und sich um die Tiere kümmert, die auf dem Hof leben.
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Weitere Informationen
Das heutige Gutshaus hat im Laufe seines Bestandes verschiedensten Zwecken und einer großen Zahl von Menschen als Wohnstätte gedient und vielfache Aufgaben erfüllen müssen. Es hat stürmische und friedliche Zeiten erlebt und um das Gut und seine Bewohner ranken sich vielfältige Geschichten und Anekdoten. Diese Website soll auch dazu dienen, solche Geschichten zu sammeln und interessierten Menschen zugänglich zu machen. Der Geschichte von Groß Engershausen und ist darum ein eigenes Kapitel gewidmet („Haus und Hof / Geschichte des Hauses“. Wer darüber hinaus eigene Erlebnisse, Anekdoten oder auch Dokumente aus den verschiedenen Epochen des Hauses beisteuern kann, ist herzlich eingeladen, diese mitzuteilen (siehe „Kontakt“).

Die Adressen des Architekten Wilfried Tiemeyer und des Hausforschers Dr. Holger Reimers finden Sie unter dem Button „Links“.

Informationen über dás Freiraum- und Landschaftsplanungsbüro von Stefan Schwengel stehen unter: Leben und Arbeiten / Gewerbebetriebe / Objekt – Landschaft.

Die Scherbenfunde hat Günter Ritter aufbereitet und geordnet. Weitere Informationen wurden unter „Leben und Arbeit / Kunst und Kultur / Geogarten und Scherbenmuseum“ zusammengestellt.

Sehr aufschlussreiche Informationen über die Architektur des Gutes Groß Engershausen hat Harald Brock in seiner Magisterarbeit „Die Landsitzarchitektur Simon Louis du Rys“ im Jahr 2008 gesammelt und ausgewertet. Er unterzog dabei auch typische baugeschichtliche Details des Gutes Groß Engershausen einer Sichtung und Wertung.

 

  • Rittergut Groß Engershausen
  • Enfilade
  • Hausansicht von Osten
  • Ansicht von Freudensteins